Technologie verändert rasant die Geschäftswelt und die Finanzbranche ist einer der Schwerpunkte bei der Digitalisierung. Die Mehrheit der neuen Branchen ist auf eine schnelle und sichere Zahlungsabwicklung angewiesen oder bietet gar neue innovative Produkte in diesem Bereich an.

Grosse Anbieter wie Mastercard und PayPal [1] sind bereits aktiv daran, den Einfluss auf den Zahlungsverkehr stark auszubauen und erhöhen so den Druck auf die klassischen Banken massiv. Technologiefirmen wie Facebook mit Libra und Uber tätigen grosse Investition, um Ihren Anteil an der Wertschöpfungskette erheblich auszubauen.

Auf der anderen Seite sind es die innovativen und in der Zwischenzeit schon sehr etablierten Startups wie N26, Revolut und Co, welche die Banken bedrängen und lukrative Geschäftsfelder angreifen.

Wie könnte daher eine Antwort vom Finanzplatz Schweiz aussehen?

Im neuen dezentral organisierten Zahlungssystem sind unterschiedliche Parteien involviert. Die Basis ist immer ein Transfer von Geld von einer Bank (Sender) zu einer anderen Bank (Receiver). Innerhalb der gleichen Transaktion wird das Geld durch die SNB oder SIC auf dem Nationalbankkonto verbucht und Service Providers bieten weitere Dienstleistungen an. Nur wenn alle Parteien die Transaktion mit einer Signature bestätigen, wird die Transaktion erfolgreich abgeschlossen.
Das System erlaubt aber nicht nur den Credit Transfer, sondern auch weiteren Parteien die Einreichung von Zahlungen. Das System erlaubt so die Verarbeitung von jeglichen Zahlungen und legt damit die Basis für die Zukunft und ist offen für eine Vielzahl von Anwendungsfällen und Partnern.

Der Kern aller Finanzapplikationen ist der schnelle und einfache Transfer von Geld. Diese Basis existiert zurzeit in der Schweiz nicht in einer Art und Weise, wie sie für eine erfolgreiche Zukunft notwendig wäre. Aktuell bestehen in der Schweiz verschiedene Systeme und Schnittstellen, welche einzelne Anwendungsfälle abbilden aber immer auf einen spezifischen Fall optimiert sind. Auch aus Sicht der Technologie entsprechen die Schnittstellen und Anwendungen meist nicht mehr den aktuellen Anforderungen.

Es braucht daher ein neues Kernsystem als Teil eines Gesamtökosystems im Zahlungsverkehr. Dieses System muss zwingend folgende Anforderungen erfüllen:

Geschwindigkeit

Damit das Kernsystem jegliche möglichen Anwendungsfälle unterstützen kann, ist die Geschwindigkeit bei der Transaktionsverarbeitung elementar. Instant Payment ist der Standard, den es auch in der Schweiz zu erreichen gilt. Dies erlaubt es, dass sämtliche bekannten Anwendungsfälle mit dem System abgedeckt werden können und ist vor allem auch offen, um neue Fälle sicher umzusetzen.

Die Europäische Zentralbank investiert in diesem Bereich sehr stark und hat mit TARGET2 und TIPS auch Systeme live gebracht, die eine schnelle und direkte Zahlungsabwicklung erlauben. Generell geht die EZB sehr stark in die Offensive und verfolgt eine für Europa nachhaltige Vision [2].

Die Schweiz muss daher nicht nur ein schnelles System zur Verfügung stellen, sondern auch rasch handeln, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Offenheit

Das System muss offen ausgestaltet werden, so dass möglichst viele Parteien ein essentielles Interesse an der Teilnahme am System haben. Der Kern des Systems ist zwar der Geldtransfer von einer Bank zu einer anderen Bank (einfacher Credit Transfer), jedoch sollen die Zahlungen auch durch weitere Teilnehmer initiiert und durch das System sicher und schnell verarbeitet werden können. Mögliche Teilnehmer wären zum Beispiel TWINT als Mobile Payment Scheme oder das Maestro, VPay oder ein nationales Debit Scheme. Diese Offenheit muss sich aber auch in den Transaktionskosten wiederspiegeln. Damit es für Payment Schemes interessant ist das System zu nutzen, müssen vor allem für kleinere Transaktionsbeträge die Gebühren minimal sein.

Das System soll aber nicht nur Payment Scheme offenstehen, sondern auch Dienstleistern wie der SIX Group, Swisscom und weiteren. Ihnen soll das Ökosystem die Möglichkeit eröffnen Finanzdienstleistungen anzubieten. Im direkten Zahlungsfluss wären hier als Beispiele online Fraud Analysen oder weitere Screening Services anzuführen. Das System muss daher in der Lage sein, Transaktionen zu ermöglichen, die nicht nur zwischen zwei Parteien abgewickelt werden, sondern noch weitere Parteien einschliesst, welche die Transaktion signieren, je nach Art der Transaktion sowie der involvierten Parteien.

Die generelle Offenheit hat auch direkte Auswirkungen auf die Organisation des Ökosystems. Hat ein kommerzieller Anbieter die Kontrolle über das System, ist es per se nicht mehr offen. Hier kann Libra als Vorbild dienen. Zudem sollte die Kontrolle über das System durch einen Verein wahrgenommen werden. Am System teilnehmen können nur Vereinsteilnehmer und die Aufnahmebedingungen beziehungsweise die Statuten regeln das Ökosystem.

Die Gründung und auch initiale Finanzierung des Vereins muss durch die Schweizer Nationalbank erfolgen. So kann diese die Grundlagen für den Finanzplatz Schweiz bestimmen und in Zeiten von Negativzins dem Bankenplatz Schweiz eine zukunftsgerichtete Investition zukommen lassen. Weitere Teilnehmer sollen direkt mit der Gründung oder kurz darauf aufgenommen werden, um die Lösung auch marktorientiert zu gestalten, dies jedoch zumindest am Anfang unter starker Kontrolle der SNB.

Sicherheit

Die zentrale Organisation von klassischen Systemen erlaubt zwar einen einfacheren Aufbau, jedoch sind solche Systeme in der Regel auch einfach angreifbar und die Konsequenzen sehr binär (System ist verfügbar oder das Gesamtsystem steht nicht zur Verfügung). Wie auch die FINMA im Risikomonitor 2019 erläutert, sind Cyber Risiken eine sehr ernstzunehmende Bedrohung und ein neues System muss versuchen diese Risiken zu mitigieren. Ein dezentrales, auf der Blockchain Technologie basierendes System, kann zwar auch angegriffen werden, dies betrifft jedoch in erster Linie einzelne Teilnehmer und es kommt so nicht zu einem Ausfall des Gesamtsystems.

Aus volkwirtschaftlicher Sicht ist es natürlich sehr spannend, wenn jede Transaktion auch direkt mit Notenbankgeld abgebildet wird. Das heisst die Transaktion wird nicht nur zwischen zwei Banken verbucht, sondern auch auf den entsprechenden Notenbankkonti. Die Banken haben so die Sicherheit, dass auch die Masse von Kleinbeträgen direkt gutgeschrieben sind, unabhängig vom Systemteilnehmer.

Fazit

Die Digitalisierung stellt neue Anforderungen und es ist nun am Finanzplatz eine Antwort zu liefern. Es wird vermutlich wie in der EU durch die EZB, die Initiative der Nationalbank benötigen, um den Finanzplatz Schweiz einen wesentlichen Schritt weiterzubringen und für die Zukunft bereit zu machen. Dazu braucht es aber mutige Entscheidungen und die Entschlossenheit, unternehmerische Risiken einzugehen.

Der Zahlungsverkehr ist die Basis und darauf aufbauend können die Banken gemeinsam Produkte lancieren, welche gegenüber den neuen Anbietern konkurrenzfähig sind. Der Markt ist in Bewegung und wie es bereits David Marcus formuliert hat: «Wenn wir den Zahlungsverkehr nicht revolutionieren, machen es andere.»

Quellen

[1]: Press Releases, PayPal and Mastercard Extend Instant Transfer to Singapore & Europe
https://newsroom.mastercard.com/press-releases/paypal-and-mastercard-extend-instant-transfer-to-singapore-europe/

[2]: Finextra Research, ECB offers support to bank-backed alternative to Visa and Mastercard
https://www.finextra.com/newsarticle/34843/ecb-offers-support-to-bank-backed-alternative-to-visa-and-mastercard

[3]: NZZ, INTERVIEW David Marcus über Libra: «Wenn wir den Zahlungsverkehr nicht revolutionieren, machen es andere»
https://www.nzz.ch/finanzen/wenn-wir-den-zahlungsverkehr-nicht-revolutionieren-machen-es-andere-ld.1509960